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Karl Neumeier


Seit es Kleinbildfilme und Entwicklungsdosen gibt, streiten die Gelehrten darüber, wie man die Dose am besten bewegt. Fragt man drei Experten, kriegt man drei verschiedene Antworten - und jeder schwört Stein und Bein, dass man anders nie zu vernünftigen Negativen kommt. Ein Praxistest von Karl Neumeier testete den FP-4 Plus von Ilford auf fünf Arten: Drei Kipprhythmen (3 Sekunden-, 30 Sekunden-, 1 Minuten-Rhythmus), Rotation und Standentwicklung. Dabei durften zwei grundverschiedene Entwickler an die Schicht: Agfas Einmalentwickler Rodinal, Verdünnung 1+50, und Tetenal Ultrafin plus als substanzreichen Allrounder.

 

Standardisierter Vergleich

Damit ein echter Vergleich möglich ist, müssen die Bedingungen für alle Teststreifen gleich sein: 20 Grad, Abweichung maximal 0.2 Grad, mit einem Temperaturcheck vor und nach jeder Entwicklung. Die Entwicklungszeiten wurden so gewählt, dass der Betawert für alle Teststreifen zwischen 0.59 und 0.61 landet. Sobald der Entwickler vollständig abgefüllt ist, wird die Uhr gestartet und die Dose einmal kräftig aufgeklopft, damit keine Luftbläschen am Film haften bleiben. Danach trennen sich die Entwicklungswege:

Die Rotationskandidaten kommen sofort in den Prozessor. Bei Jobo-Geräten mit zwei Geschwindigkeitseinstellungen stellt man die schnellere Stufe 2 ein, bei regelbaren Modellen werden 50 Umdrehungen pro Minute eingepegelt. Jobo empfiehlt, die Filme vorzuwässern - tun Sie´s trotzdem nicht. Sie verschleppen jedes Mal eine unterschiedlich große Wassermenge und verwässern den Entwickler. Ein unnötiger Risikofaktor.

Beim 3-Sekunden-Kipp fließt der meiste Schweiß, denn man ist ständig dabei, die Dose zu bewegen: Zügig auf den Kopf stellen, etwa eine Sekunde halten und zurück in die Normallage kippen. Wieder eine Sekunde warten, und das Spiel beginnt von vorne. Bei Entwicklungszeiten von zehn und mehr Minuten braucht man dazu nicht nur gute Nerven, sondern auch kräftige Unterarme. Beim 30-Sekunden-Rhythmus wird die Dose alle 30 Sekunden zweimal hintereinander gekippt, das dauert etwa fünf Sekunden. Während der ersten 30 Sekunden wird die Dose im 3-Sekunden-Rhythmus bewegt. Auch im 1-Minuten-Rhythmus wird die ersten 30 Sekunden durchgehend gekippt. Danach nur noch dreimal zur vollen Minute. Bei der Standentwicklung wird die Dose nach dem anfänglichen 30-Sekunden-Shake in die Ecke gestellt und nicht mehr bewegt.

Fünf Sekunden vor Ablauf der Entwicklungszeit wird der Entwickler ausgeschüttet, damit die Dose beim Gongschlag leer ist. Stoppen Sie mit zweiprozentiger Essig- oder Zitronensäure, sonst dauert es doch seine Zeit, bis die letzten Entwicklermoleküle Feierabend machen. Nach dem Fixieren, Wässern und Trocknen kommt für die Testnegative die Stunde der Wahrheit: Unbestechliche Sensitometer-Streifen geben Auskunft über Empfindlichkeit und Betawert (oder die für einen festen Betawert benötigte Entwicklungszeit). Und anhand einer 35fachen Vergrößerung von Testtafel-Aufnahmen - das entspricht einem 84x126 Zentimeter großen Abzug vom Kleinbildnegativ - werden die Punkte in den Disziplinen Korn und Schärfe vergeben.

Mit zunehmender Bewegungsintensität verkürzt sich logischerweise die Entwicklungszeit. Überraschend allerdings, dass die schnellste Bewegung, die Rotation, aus der Reihe rollt: Klar langsamer als beim 3-Sekunden-Kipprhythmus, sind die Zeiten denen des 30-Sekunden-Kippens vergleichbar. Offensichtlich sorgt das verhältnismäßig unkontrollierte Kippen für eine bessere Durchmischung des Entwicklers, als die doch sehr konstante Rotation, wo wegen mangelnder Turbulenzen verbrauchter und frischer Entwickler aneinander vorbeiströmen können. Erwartungsgemäß streuen die Verlängerungsfaktoren beim dünnen Rodinal weiter, als beim üppig dosierten Ultrafin Plus. Wo wenig ist, herrscht eben auch schneller Mangel.

Die Datenblätter der Hersteller listen selten für alle Bewegungsarten die erforderlichen Zeiten auf. Die Verlängerungsfaktoren aus der Tabelle und ein simpler Dreisatz helfen aber schnell weiter: Den 3-Sekunden-Wert, den Sie in jedem Datenblatt finden, brauchen Sie nur mit dem Verlängerungsfaktor zu multiplizieren und Sie haben Ihre Wunschzeit. Für Pulver und fette Flüssigentwickler, wie Ultrafin SF, ID-11, D-76, Perceptol, Microdol-X, Atomal, Ultrafin-Plus oder Kodaks T-max, müssen Sie mit den Werten der Ultrafin-Plus-Tabelle rechnen. Die Faktoren für Verdünnungsentwickler, wie Rodinal, Ultrafin liquid oder Neofin, verrät die Rodinal-Tabelle.

 

Kurventechnik

Bei identischem Betawert unterscheiden sich die Dichtekurven praktisch nicht: Ob man die Dose kippt, rollt oder stehen lässt, die Kurven sind parallel. Die Wahl des Entwicklers hat allerdings erheblichen Einfluss auf das Kurvenverhalten: Die Rodinalkurven sind deutlich s-förmiger als die ultrafinen. Die Empfindlichkeitsausnutzung korreliert mit der Entwicklungszeit: Standentwicklung, mit Verlängerungfaktoren von 2 und mehr, entlockt der Schicht die optimale Empfindlichkeit. Beim schnellen Kippen, und entsprechend kurzen Zeiten, bleibt das eine oder andere Korn schon mal unentwickelt.

Apropos Korn: In dieser Disziplin glänzt vor allem die Rotationsentwicklung - keiner siebt feiner. Die Kippmethoden sind untereinander nahezu gleichauf, aber das Korn wird ein Stückchen gröber als beim Rollen. Der kontinuierliche Entwicklerstrom scheint die Diffusion von gelöstem Silber aus der Emulsion zu beschleunigen, da sich an der Grenzschicht keine Silberionen ansammeln können. Genau das passiert bei der Standentwicklung: Der Entwickler wird nur sehr langsam ausgetauscht, in der Grenzschicht sammeln sich Silberionen und versperren weiteren Ionen aus der Emulsion den Weg in den Entwickler. So können die Kristalle kaum angelöst werden und wirken grob.

Beim Schärfevergleich mussten wir uns wieder einmal belehren lassen, dass zwischen Theorie und Praxis gelegentlich Welten liegen. Rasiermesserscharfe Bilder ließ die Standentwicklung erwarten, weil sie für schärfesteigernde Kanteneffekte prädestiniert ist. Aber weit gefehlt, denn alle drei Kipp-Methoden bringen schärfere Negative. Und jetzt kommt der Hammer: Bei Standentwicklung liefert Rodinal deutlich unschärfere Bilder als Ultrafin Plus, das aufgrund seiner Rezeptur nur einen geringen Kanteneffekt aufweist.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, haben wir den Versuch mehrere Male wiederholt - immer mit dem gleichen Ergebnis. Standentwicklung liefert schlechte, mit Rodinal miserable, Ergebnisse. Das könnte daran liegen, dass die Gelatine durch die extrem lange Entwicklung (20 Minuten) übermäßig quillt, und die Silberfäden in der Schicht mobil werden.

Die Rotation kann erwartungsgemäß nicht ganz mithalten, da die kontinuierliche Bewegung die Oxidationsprodukte des Entwicklers sofort aus der Schicht abzieht. Dementsprechend gering ist der Kanteneffekt. Erstaunlich, dass die drei Kipprhythmen trotz sehr unterschiedlicher Bewegungsintensität identische Ergebnisse einfahren.

Die alten Hasen haben es ja schon immer gewusst: SW-Filme fühlen sich dann am wohlsten, wenn sie im Entwickler gekippt werden. Beim Rotieren bleibt das Korn zwar fein, die Schärfe dürfte aber besser sein. Die langen Standentwicklungszeiten missfallen dem Film und die Bilder werden unscharf und grobkörnig. Also besser: Kipp cool.


Entwicklungsdaten

          Zeit    DIN     Beta    Faktor
Ultrafin  Plus
Rotation  6:00    23.0    0.60     1.20
3-Sek-K.  5:00    22.8    0.60     1.00
30-Sek-K  6:15    23.0    0.61     1.25
1-Min-K.  7:00    23.2    0.60     1.40 
Stand    10:00    23.8    0.61     2.00
Rodinal
Rotation 11:00    21.0    0.60     1.30
3-Sek-K.  8:30    20.7    0.59     1.00
30-Sek-K 12:00    21.0    0.60     1.40
1-Min-K. 14:00    21.3    0.59     1.65
Stand    20:00    21.7    0.59     2.35